Inhalt
Es könnte ein glücklicher Moment sein im Leben einer Kleinfamilie. Die Ärztin Nina hat ein paar Tage Urlaub
genommen. Hausmann Frieder legt Fliesen. Tochter Charlotte spielt in ihrem neuen Kinderzimmer. Doch Nina steht entfremdet in den halbleeren Räumen. Ohne Nachricht lässt sie ihre Familie zurück.
Sie besucht ihren Bruder im Ferienhaus der Eltern, streift ziellos durch eine surreale Mittelgebirgslandschaft und
landet bei einem alternden Tennis-Star in einem Sporthotel, einem Beton-Ufo aus einer anderen Zeit. Ninas
Ausbruchversuch gipfelt nicht in existentialistischer Revolte, sondern in der flüchtigen Begegnung zweier Menschen, die sich nicht mehr heimisch fühlen in ihrer Welt. Wie eine Schlafwandlerin kehrt sie Schritt für Schritt zu ihrer Familie zurück.
Am Montag kommen die Fenster tatsächlich. Aber die falschen. Das ist keine Tragödie. Nichts ist eine Tragödie im
Leben von Nina und Frieder, nicht mal Frieders hilflose Flucht ins Bett einer Exfreundin. Die Tragödie ist, dass Nina
dies durchschaut und dennoch keinen Weg findet, ihr Leben zu ändern.
Interview mit Ulrich Köhler
Im Mittelpunkt Deines Films steht eine junge Mutter,
die aus ihrer Familie ausbricht. Wie kamst Du auf
dieses Thema?
Der Wunsch, einen Film über eine moderne Kleinfamilie
zu drehen, ist alt. Eine Freundin von mir, die Künstlerin
Jeanne Faust, ist Mutter geworden – die erste Familie in meinem Freundeskreis - und hatte eine
beeindruckende Fotoserie gemacht, die
"Familienfallen".
Leider konnte ich Jeanne und ihre Familie nicht
überreden, an einem Spielfilm mitzuwirken. Aber
immerhin haben wir eine kleine Filminstallation mit dem
Titel „white calf“ gemacht, die das Thema aufgreift.
Literatur war auch ein wichtiger Einfluss, vielleicht
sogar wichtiger als Film. Im Bücherregal meiner Mutter
habe ich "Der Fall Franza" von Ingeborg Bachmann
entdeckt. Plötzlich wollte ich alles lesen, was ich
vorher in meiner Ignoranz als „Frauenliteratur“ abgetan
hatte. Nach Bachmann kam Marlen Haushofers "Die
Wand" und vor allem "Die Tapetentür" - aber natürlich
auch männliche Autoren, die über Frauen geschrieben
haben, wie Fontane und Flaubert.
In Deinem ersten Film „ Bungalow“ desertiert ein
junger Rekrut, aber er ist dabei ziellos, passiv. In
„Montag kommen die Fenster“ geht es ebenfalls um
einen richtungslosen Ausbruch. Was macht Deine
Figuren unzufrieden und orientierungslos?
Das sind unterschiedliche Figuren mit unterschiedlichen
Problemen. Nina ist aus der Großstadt Berlin in die
Provinzstadt Kassel gezogen, bis zu diesem Zeitpunkt
schien in ihrem Leben noch vieles möglich.
Interview mit Ulrich Köhler
Plötzlich zurrt sich alles zusammen. Bald wird sie
wissen, mit welchen Fliesen sie den Rest ihres Lebens
verbringt. Da kann einem doch schon mal die Laune
vergehen, oder?
Aber leidet sie nicht auch unter der allgemeinen
Sinnkrise ihrer Generation?
Ich glaube, dass diese Krise nicht nur unsere
Generation bestimmt, sondern auch schon die von
Musils Ulrich („Der Mann ohne Eigenschaften“),
Lowrys Konsul („Unter dem Vulkan“) oder Bachmanns
„Malina“. – Die interessante Frage ist vielleicht:
Leiden Menschen wirklich unter „abstrakten“
Problemen oder tun das nur Romanfiguren?
Mit 18 hatte ich zuviel Existentialisten gelesen und
meinem postpubertären Leiden eine metaphysische
Dimension gegeben. Später habe ich das als
selbstverliebt romantischen Pathos abgetan und war
überzeugt, alles habe eine psychologische Erklärung.
Ich dachte, dass der meiste Weltschmerz durch die
richtige Freundin oder den richtigen Freund zu
beheben sei. Aber das ist auch zu einfach: Mentale
Krisen haben meist konkrete Auslöser in einer
Beziehung oder im Beruf. Aber sie können sich
auswachsen zu metaphysischen Krisen. Menschen
können darunter leiden, dass es keinen zwingenden
Grund gibt, gut zu sein oder am Leben zu bleiben -
und eine Mutter kann darunter leiden, dass es keinen
zwingenden Grund gibt seine Tochter zu lieben, wenn
man sie eigentlich ein bisschen langweilig findet.
Flieht Nina vor ihrem Mann oder ihrer Tochter?
Vor beiden. Und vor Fenstern und Fliesen. Sie lässt
nicht nur ihren Mann im Stich, sondern vor allem ihre
Tochter. Sie ist bereit, Erwartungen zu enttäuschen,
die an eine liebende Mutter gestellt werden. Letztlich
interessiert mich wie auch bei „Bungalow“ die Frage,
was passiert, wenn gesellschaftlicher Konsens, wenn
selbstverständlich geglaubte Handlungsnormen
aufgekündigt werden. Das ist die Versuchsanordnung
dieser beiden Filme.
Deine Figuren werden nicht romantisiert. Deine
Erzählhaltung ist eher beobachtend, und du weißt keine
Lösung für diese Probleme.
Ich will nicht intelligenter sein als meine Protagonisten
und bin auch nicht intelligenter als mein Publikum.
Was hast Du eigentlich gegen Psychologie?
Ich habe nichts gegen Psychologie als Wissenschaft,
aber die Psychologisierung von Figuren tendiert dazu,
Zusammenhänge zu vereinfachen. Keine Biografie ist
komplex genug, das Verhalten eines Menschen zu
erklären. Figurenhintergründe, zu deren Ausplaudern
Du mich immer wieder verlockst, sind nur erzählerische
Hilfsmittel.
Autoren, die meinen, ihre Figuren vollständig erklären
zu können, haben den Glauben an die menschliche
Freiheit verloren. Gerade das irrationale,
überraschende, amoralische Verhalten von Figuren
macht eine der größten Faszinationen des Kinos aus -
von Scarlett O’Hara über Pierrot le Fou bis Rosetta.
Wie war die Zusammenarbeit mit den Schauspielern?
Es hat Spaß gemacht. In den Proben haben Isabelle
und Hans Jochen sehr witzige Improvisationen
hingelegt. Davon ist einiges in das Script eingeflossen.
Der Schlussdialog im Film zum Beispiel. – Bis auf
den letzten Satz: „Das Leben ist voller
Überraschungen.“ Den hätte ich schon beim Drehen
weglassen sollen. Den habe ich gehasst. Ich habe
einen Preis ausgelobt für den besten Synchronsatz
und ihn in der Mischung ausgetauscht. So kam es zu:
„Das war einfach so ne Böschung.“ Das Problem ist
bloß: wenn ich den Satz jetzt höre, kann ich die Szene
nicht mehr ernst nehmen. Das Leben ist voller
Böschungen…
Wie hängt das zusammen in „Montag kommen die
Fenster“: einerseits eine Art Realismus im Erzählen,
auch dadurch, dass du oft in Realzeit erzählst.
Gleichzeitig wirkt alles sehr komponiert, beinahe
stilisiert.
Realismus ist kein Ziel für mich – ich weiß immer
noch nicht, was das sein soll. Der Alltag ist eher
Ausgangspunkt, Material. Stilisierung ist auch kein
Ziel, sondern etwas, das mir unterläuft. Vieles, was
nach Konzept aussieht, ist Intuition. Ich glaube, ich
bin jemand, der künstlerisch sehr ökonomisch denkt –
leider nicht immer im Leben. Da der Spielrhythmus
innerhalb einer Szene in allen meinen Filmen ähnlich
ist, muss ich annehmen, dass etwas von meiner
Langsamkeit auf die Schauspieler abfärbt. Sowohl
Isabelle als auch Lennie aus „Bungalow“ sind von
Natur aus keine Phlegmatiker.
Das ist dein zweiter Film. Die Kontinuitäten zu
„Bungalow“ sind offensichtlich, fast wie der Anfang
einer Trilogie...
„Montag kommen die Fenster“ wird jetzt
wahrscheinlich in einer Kontinuität gesehen, obwohl
ich mir fest vorgenommen hatte, anders zu arbeiten.
Das Team war viel kleiner. Ich wollte die Kamera dem
Spiel unterordnen. Davon werden die Schauspieler am
Ende wenig gemerkt haben. Ich wollte höher auflösen,
mehr schneiden, und habe doch immer so inszeniert,
dass wir die Szene in einer Einstellung erzählen
können. Ich wollte ein dialogreiches Buch schreiben,
aber mit jeder Überarbeitung fielen Sätze weg.
Du kannst den Minimalisten in dir eben nicht
bremsen...
Ja, ich bin scheinbar sehr gefangen in mir selbst. Und
ein Minimalist bin ich leider nur künstlerisch, nicht
produktionstechnisch. Vielleicht muss man mich
einfach mal ohne Geld mit drei Schauspielern und einer
Videokamera auf einer Insel abwerfen...vielleicht
entwickle ich dann etwas Neues – sonst hängen doch
wieder 25 Leute und 4 Bergsteiger an einem 12-
stöckigen Hotel,
um eine 80 Meter lange rosa Geschenkschleife
anzubringen - die Szene wäre übrigens um ein Haar
beim Schnitt rausgeflogen...
...und wie steht es mit älteren Tennisstars?
Ilie würde ich sofort mitnehmen auf die Insel. Ich kann
mir keinen Schauspieler vorstellen, der das besser
macht als er. Ich kannte ihn aus den späten 70ern als
einen der Coolsten auf dem Platz. Bei einem
Benefizturnier mit den Tennisstars der 70er und 80er,
also Leconte, Wilander, Guillermo Vilas u. a., habe ich
ihn wieder gesehen. Er hatte nichts von seinem
Provokationsvermögen verloren, ein geborener
Entertainer. Ich wollte ihn unbedingt besetzen, aber
ohne die Hilfe der Schiedsrichterlegende Rudi Berger
hätten wir es wohl nicht geschafft ihn zu überreden.
Interview von Jacob Hesler (filmtext.com)
Januar 2006 |